Der Schatten der Mutter
Zwei Romane sind mir untergekommen, in denen die Autorinnen ihre Rechnung mit ihrer mächtigen und grausamen Mutter machen. In Jenseits ist der Tod schreibt Maria Nurowska gleich am Anfang: »Mama lebt nicht mehr.« Und Marguerite Duras schrieb Der Liebhaber, doch das Buch könnte auch Die Mutter heißen, denn es geht oft um sie.
Natürlich ist sie die wichtigste Person in unserem Leben, denn sie hat uns auf die Welt gesetzt, und sie ist der erste Mensch in unserem Leben. Die beiden Autorinnen schrieben autobiografisch. Es war ihr Leben, das wir verfolgen.
Die französische Mutter von Marguerite gab sich welterfahren, ging mit ihrem Mann nach Vietnam, verehrte ihren älteren Sohn, der nie etwas Rechtes zustande brachte und verachtete ihre Tochter. Später ging sie nach Frankreich zurück, kaufte sich ein Schloss und starb dort. Marguerite Duras schrieb das Buch erst 1984, mit 70 Jahren, und starb 12 Jahre später.
Die polnische Mutter von Maria war engagiert und hilfsbereit, verachtete ihre Tochter jedoch auch und schrieb ihr eine Heirat vor. Auch hier gab es einen fernen älteren Bruder. Dann verfiel sie dem Alkohol und zertrümmerte manchmal alles, was in ihrer Nähe stand. Die Tochter muss nun ihre tote Mutter ankleiden und ihre Beerdigung organisieren, plötzlich ist die Vergangenheit nicht mehr von Belang. Maria Nurowska schrieb ihr Buch, als sie 33 war, und sie starb 2022. Sie und ihre Mutter:
– Du gehst.
– Nein.
Die Augen des unbarmherzigen Raubvogels.
– Du niederträchtiges Flittchen, du gemeinstes Flittchen, das die Erde trägt! … So etwas seiner Mutter anzutun! Ich hätte dich gleich nach deiner Geburt erwürgen sollen, ich wollte dich sowieso nicht.
Marguerite Duras:
Plötzlich weiß ich nicht mehr, was ich in den Büchern, die sich auf meine Kindheit beziehen, gesagt, was ich zu sagen vermieden habe, ich glaube über die Liebe gesprochen zu haben, die wir für unsere Mutter empfanden, doch ich weiß nicht, ob ich auch über den Hass gesprochen haben, den wir für sie empfanden, sowie über die Liebe, die wir füreinander empfanden und über den Hass, den schrecklichen, in dieser gemeinsamen Geschichte des Ruins und des Todes, die die Geschichte dieser Familie immer schon war, in der Liebe wie im Hass, und die meine Fassungskraft immer noch übersteigt, die mir noch immer unzugänglich ist, verborgen in meinem tiefsten Innern, blind wie ein Neugeborenes am ersten Tag. …
Ich habe nie geschrieben, wenn ich zu schreiben glaubte, ich habe nie geliebt, wenn ich zu lieben glaubte, ich habe nie etwas anderes getan als zu warten vor verschlossener Tür.
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