9 Tage Koma, ein Jahr Leiden

Wieder einmal ein Beitrag über das Koma. Das können wir etwas gerafft abhandeln, aber wir lernen, dass die Existenz im Koma nicht immer schöne andere Leben bereithält, sondern auch ziemlich qualvoll sein kann. Vor 8 Monaten erzählte der Mexikaner Arturo Valenzuela im Kanal Lo Invisible von seinem Erlebnis.

Señor Valenzuela besaß eine Agentur, gab Kurse, die Arbeit lief gut, doch dann kam die Pandemie. Er fühlte sich immer müde und war vor allem immer durstig. Manchmal trank er 10 Liter am Tag. Und irgendwann brachte man ihn rasch ins Krankenhaus. Alles wurde ihm schwarz, doch er hörte noch das Piepen, als die Flatline auftrat. Er fiel ins Koma und musste zwei Mal mit Elektroschocks wiederbelebt werden. Das war in Cuernavaca.

Der Patient war allerdings woanders. Er wurde, wie er sagte, von 2 Pflegern auf einer Bahre weggebracht, der begleitende Arzt wollte ihn ermorden, also flüchtete er – in den Untergrund, zu den Obdachlosen. Ein gewisser Juan José nahm sich seiner an, sie arbeiteten in der Nacht und schliefen wenig. 3 Monate lebte er auf der Straße, schätzte er.

Dann fand ihn einer der Pfleger und gab ihm einen mächtigen Schlag auf die Brust (wohl der Elektroschock, der ihn ins Leben zurückholte), bevor er ihn in einer Art Irrenhaus unterbrachte. Da wurde er festgebunden, und Valenzuela schätzte, das seien wieder 3 Monate gewesen. Und dann wieder in einem seltsamen Krankenhaus. Nochmal 3 Monate nach seiner Vermutung. Um ihn war eine dunkelhaarige Frau, die er für sich la bruja nannte: die Hexerin. Er wollte sein Telefon haben, sie sagte: »Du musst mir dafür dein Herz geben.«

Immer wieder kam eine sympathische Frau vorbei, die er Celeste nannte (vielsagend: der Himmel). In sie verliebte sich Arturo etwas, sie war ein Halt für ihn. Schließlich schoben ihn Pfleger vor eine weiße Tür. Als sie aufging, betrat er einen Wald, in dem alles aus Plastillin war, sogar das Wasser. Und er hatte solchen Durst!

3 Monate im Wald. Eine Bestie beugte sich über ihn, die groß war wie ein Autobus und feurige Augen besaß. Sie leckte an ihm, legte sich neben ihm und wollte ihn verzehren. Arturo rannte fort, und als er das Monster hinter sich gelassen hatte, sah er, wie es schrumpfte und klein wurde wie ein Kätzchen. Und dann war er wieder bei sich und wachte auf.

Juan José, der Obdachlos, das sei ein Professor gewesen, den er sehr bewundert habe; la bruja war der Tod, und – so sagte Arturo – man wisse, welch inniges Verhältnis die Mexikaner zum Tod hätten. Celeste konnte er nicht einordnen. Sie war eben sein Engel.

∞ ∞

Vor 3 Tagen erst hatte Esteban als Gast Gustavo Carvajal, einen Schriftsteller und Drehbuchautoren aus Kolumbien, Er lag im Jahr 2010 elf Tage im Koma. Er meinte, er sei die ganze Zeit über »draußen« gewesen. Allerdings blieb er meist auf seiner Ebene, besuchte etwa seine Finca, wo ein Dutzend Familienmitglieder schon über seine Beerdigung berieten. Nur seine Hunde nahmen ihn wahr. Hingereist war Gustavo in einer Art Luftblase.

Allerseelen-Altarbild, Kirche Rohrbach an der Ilm, um 1700

Wohl in der Anderen Welt stieß er auf Verwandte, die alle bereits gestorben waren. Und einmal kam er in eine Art Schuppen, in dem sich viele andere aufhielten. Sie alle sollten an jenem Tag sterben, machte er sich klar. Da war ein Heulen, Schreien und Zähneklappern wie im Fegefeuer. – Um Gustavo stand es schlecht. Er hatte eine Lungenentzündung mit Sepsis, sein Herz war schwach, und die Lungen taten nichts mehr. Kurz bevor die Maschinen abgeschaltet werden sollten, bemerkte ein Arzt, dass die Lunge wieder zu 1 Prozent arbeitete.

Er appellierte an die Angehörigen, zu dem Koma-Patienten zu sprechen. Ihm zu vergeben wenn nötig. Das erleichtere ihnen den Übergang. An den 11 Tagen seines Komas kamen 15 weitere Patienten auf die Intensivstation; 14 starben.

Gustavo traf auch einen Engel. Eine Krankenschwester in altertümlicher Tracht kam an sein Bett, lächelte ihm zu und sagte: »Ich beglückwünsche dich, Gott hat dich gerettet.«

Und so wurde ihm das Leben wiedergeschenkt. »Die Hand Gottes«, kommentierte Gustavo Carvajal.

 

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